Folge 4
Dieser Brief entspricht wirklich nicht seinem Wesen. „Schwachsinnige Gedanken, Peinlich.“ Zumindest dachte er das bis er begann ihn zu schreiben. Und jetzt, wo er ihn noch einmal ließt, wird es ihm tatsächlich bewusst, all der Schmerz den er die ganze Zeit fühlte all die Sehnsucht, die Begierden. Und jetzt war sie tot und ihr Dämon verlangte von ihm ein Liebesgeständnis. Er muss weinen. Dieser harte, coole Typ, der vor nichts und niemandem Angst hat, den nichts aus der Fassung bringen kann. Tränen laufen stumm an seinen Wangen herunter und das brennen der Wunde auf der linken Wange erinnert ihn wieder an seine ungeschickte, oder vielmehr an seine von ihr gewollte Verletzung, die ebenso eine Rolle spielt wie jedes andere Geschehnis in diesem Spiel. Ein Spiel. Das ist es, weiter nichts als ein Spiel. Und er war die Spielfigur. Er weiß nur noch nicht worum es in diesem Spiel geht aber das muss er zunächst heraus finden, wenn er hier wieder raus kommen will.
Nichts passiert, keine eigenartigen Geräusche, keine Träume, Bilder, Leichen, Nichts. War es das jetzt gewesen? Nur ein Liebesbrief? Oder lässt sie ihn nur in Ruhe zu Ende schreiben? Er hält den Stift in der Hand, sieht auf den Brief. „Denk nach Tim, denk nach.“ sagt er zu sich selbst so leise, dass er nicht sicher war ob er es gerade aussprach oder nur dachte. Er versucht in Gedanken noch einmal alle Ereignisse, wenn möglich in der richtigen Reihenfolge zusammen zu fassen. „Du bist gestern früh mit nem dicken Kater aufgewacht, hast beim Kaffee kochen Christins Kopf gefunden und ohnmächtig geworden. Liegst du immer noch vor dem Kühlschrank? Unwahrscheinlich. Du hast den Aufzug gerufen und bist dann beinahe ins Leere gefallen. Du bist in der Badewanne gestorben, beim Absturz mit dem Aufzug, beim Aufprall auf den ICE. Sie will einen Liebesbrief. Sie macht mich gefügig, will, dass ich ihr gehorche, nach ihren Regeln spiele. Ich muss also die Regeln ändern. Und wenn sie mich dann tötet? Zumindest bin ich ihr tot nicht mehr von Nutzen, für den Augenblick. Ich werde das Unerwartete tun.“
Er legt den Stift ab, vergessen, dass er an Ruhe glaubte, so lange er nicht fertig war. „Du hast Dir aber nicht viel Mühe gegeben, Tim“ sagte eine Stimme, die eigenartig klang, als würde Christin vollkommen synchron mit einer zweiten, tieferen, dämonischen Stimme zu ihm sprechen. Sie war nicht zu sehen. „Wo bist Du?“ „Direkt hinter dir“ flüstert sie ihn ins Ohr. Er dreht sich um und schaut ihr aus der Nähe in ihre toten weißen Augen. So nah wäre er ihr früher gern gekommen. Er spürt ein leichtes Brennen in der Brust „Schmerzen?“ fragt sie und lächelt ihn dabei sanft an. Würde der Tod ihr Gesicht nicht so abstrakt entstellen, die blasse, klaffende Schnittwunde auf der Wange ihn nicht so schrecklich angrinsen, er würde sich jetzt zu Ihr hingezogen fühlen, sie packen und einfach küssen. Der Schmerz wird stärker, brennender. Ihm wird schwindelig. „Das brennen in Deiner Brust, es ist dein Herz. Es bricht.“ Es wird langsam dunkel um ihn herum als würde man das Licht dimmen. Der Raum um Ihn, in dem er nie zuvor gewesen ist, wie er erst jetzt bemerkt, dreht sich immer schneller um ihn herum.
Er wacht auf, vor dem Liebesbrief sitzend, den Stift noch immer in der Hand. Okay, dieses mal muss er wirklich eingenickt sein. Er legt den Stift aus der Hand, steht auf um zu sehen was passieren wird. Wie erwartet steht Christin vor Ihm. Sie streckt ihm die Hand aus. „Ich will Dich. Ich begehre Dich. Komm mit mir.“ Einen ganz kurzen Moment ist er geneigt ihre Hand zu greifen und ihr zu folgen sagt dann aber „Niemals. Wenn Du wirklich Christin bist, dann bist Du tot. Nur eine Wahnvorstellung, ein Albtraum, ein Dämon oder etwas anderes von ihr zurück gebliebenes, nichts Gutes.“
„Du wirst zu mir kommen! So oder so!“
„Dann musst Du mich schon mit Gewalt holen“
„Ich tue mein Möglichstes“ sagt das Wesen in Christins totem Körper jetzt ganz ruhig und dabei grinsend. Und nicht nur Ihre Lippen formen sich dabei zu einem Grinsen, auch die Wunde schien alle Mundbewegungen vollkommen synchron nachzuvollziehen. In diesem Augenblick hört er eine tiefe Stimme und sieht, wie die Wunde diese Worte formt: „Du wirst zu mir kommen.“ Dann war Christin weg.
Das ist der Augenblick der Erkenntnis. Christin will ihn mit in den Tod reißen. Aber sie kann es nicht tun, Tim muss es selbst tun. Er muss freiwillig mit ihr gehen. Sie, oder was da von ihr übrig ist, kann ihm nichts tun. Sie kann ihm die Illusion von Schmerz vermitteln, ihn 1000 Tode erleben lassen. Aber in jedem Augenblick eines Todes wird er einfach wieder aus seinem Traum erwachen. Nur befindet er sich dann sofort in einem Neuen. Jetzt muss er eigentlich nur noch raus finden, wie er aus diesen Träumen flüchten kann. Die Möglichkeit diesen Kreis zu durchbrechen wird es geben, ganz sicher. Das hatte er in zahlreichen Filmen gesehen. Selbst Luzifer, ja sogar Rumpelstilzchen ließen in Ihren Verträgen immer eine Hintertür offen. Das Böse muss einfach auch gewisse Gesetze einhalten. Kündigung aus wichtigem Grund. Das sind Gottes Regeln, falls es so einen Gott gibt. Oder einfach eine Gesetzmäßigkeit, wie ein Naturgesetz, hofft er still. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ sagt er sich und verlässt seine Wohnung ohne zu wissen, wo er eigentlich hin will.
Er verschließt die Tür, dreht sich um und will die Treppe hinunter laufen. Zu seiner Verwunderung stellt er fest, dass er sich immer noch in seinem Wohnzimmer befindet. Nicht so recht wissend, ob er wirklich durch die Tür ging oder wieder nur träumte, versucht er es erneut. Er öffnet die Tür, geht hindurch und steht wieder im Wohnzimmer. Er geht noch einmal durch die Wohnungstür und wieder steht er im Wohnzimmer. Er geht schneller, wieder. Er rennt durch die Tür, findet sich aber jedes mal an der gleichen Stelle im Wohnzimmer wieder. „Ich lasse Dich nicht gehen. Hör auf dich zu widersetzen! Komm zu mir.“ Er lässt sich auf den Boden fallen, verzweifelt die Hände vor sein Gesicht haltend, wird ihm in diesem Augenblick das gesamte Ausmaß seines Desasters klar in dem er sich befindet. Er kann die Regeln nicht ändern, nicht verletzen und schon gar nicht eigene aufstellen. Er kann noch nicht einmal das Mitspielen verweigern. Alles was er tun kann ist langsam zu spielen, hofft er. Irgendwann wird man ihn vermissen und nach ihm sehen. Er schaut zum Telefon und obwohl er geneigt ist den Gedanken anzurufen gleich wieder als zwecklos zu verwerfen, will er es nicht unversucht lassen. Ein Freizeichen ertönt. Er wählt 110, landet in der Warteschleife. „Derzeit sind alle Leitungen belegt. Bitte legen sie nicht auf, der nächste freie Dämon ist in Kürze für sie verfügbar“ Er legt auf, wirft das Telefon achtlos an die Seite. „Hoffnungslos“ prustet er und setzt sich kraftlos.
Er ist müde geworden. Müde vom Mangel an Schlaf, aber auch müde dieses Spiel zu spielen. Seine Angst, die ihn von dem Augenblick an, als er Christins Kopf fand, begleitete, hat sich verändert. Es ist nicht mehr die Angst vor dem Gefängnis. Es ist auch nicht mehr die Angst zu sterben. Es ist einfach nur die Angst vor der Ewigkeit. Vor dieser Ewigkeit. Und mit dem Wort Ewigkeit wird ihm das absolute, wirkliche, das niemals endende Ewig bewusst. Er träumt nicht, er wacht nicht, er war bereits gestorben. Einer seiner Tode, die er in den letzten Tagen starb, war der wahre Tod. Er vermutet es war der Toaster. Jetzt ging es nur noch darum, freiwillig den Weg in die Verdammnis zu gehen, in der Christins Dämon das ewige Spiel des Sterbens mit ihm spielen würde.
Nichts passiert und das jetzt schon seit gefühlten, keine Ahnung, Stunden? Oder waren es nur Sekunden? Er schläft ein, einfach so, ganz ohne jeden Traum und erwacht dann wieder. Fühlt sich sogar ein wenig entspannt.
„Okay“ sagt er „Eine Lösung muss her“. Damit meint er zwar eine Lösung in seinem Sinne, ist aber letztlich doch mit jeder Lösung einverstanden, die ihn aus diesem Teufelskreis befreit. „Wo bist Du?“ ruft er. „Los zeig Dich!“ Er glaubt nicht wirklich an eine Reaktion, wäre das doch der erste Ansatz für neue Regeln. Er hat sich getäuscht. Direkt hinter ihm, überraschend wie immer ertönt Christins sanfte Stimme: „Tim, willst du nun endlich mit mir gehen?“ Ihre Haut ist jetzt farbig, Blut durchflutet, Ihr Lächeln so süß wie Nektar und er verspürt plötzlich wieder dieses Bedürfnis sie zu küssen. Sie streckt Ihren Arm nach ihm aus, packt ihn am Hals und wiederholt Ihre Frage nun etwas strenger „Bist Du jetzt bereit mit mir zu gehen?“ Ein „Ja“ liegt auf seinen Lippen, bereit den Mund zu verlassen. Es kam aus seinem Herzen, wollte einen alten innigen Wunsch erfüllen. Aber da ist noch sein Verstand, plötzlich Messerscharf, der mit rasender Geschwindigkeit ein „Nein“ auf seine Zunge sendet um das Ja mit scharfer Klinge zu zerschmettern. Beide Antworten liegen nun bereit ausgesprochen zu werden. Christin sieht ihn an, voll Sehnsucht, erwartend ihn an der Hand nehmen zu dürfen und mit Ihm das Tor zur Ewigkeit zu durchschreiten. Er entscheidet sich für „Nein“.
Christins Blick will ihn zerschmettern, hält aber nicht lange an. Blut strömt aus Ihren Augenhöhlen, Ohren Mund und Nase. Blut, das erst floss, dann aber begann im Raum zu schweben, wie eine dunkle Wolke im seichten Wind. Der Rauch wird dichter, formt sich zu einer Silhouette, der Mund in Form der klaffenden Wunde auf Christins Wange. Ihre Hand noch immer an seinem Hals, umschließt ihn allmählich die Rauchgestalt, lässt ihn kaum noch atmen. Ein Druck der ihn zu zerquetschen droht. Mit aller Macht breitet er die Arme aus, versucht die Gestalt von sich zu stoßen, greift aber nur hindurch. Plötzlich löst sich die Hand von seinem Hals. Er läuft, läuft einfach los, kann nichts sehen, weiß aber, in seiner Wohnung ist er nicht mehr. Aus dem Rauch erscheinen gewaltige Hände, packen ihn und schleudern ihn mehrere Meter durch die Luft. Er schlägt mit dem Rücken auf dem Boden, rutscht nach hinten, zieht dabei eine tiefe Furche durch die weiche, moderige Erde. Eh er sich wieder aufrichten kann, schnappt ihn die Kreatur die jetzt immer bizarrere Formen annimmt und schleudert ihn gegen eine Wand. Er hört einen Knochen knacken, spürt im ganzen Körper Schmerzen vom Aufprall, die es ihm unmöglich machen festzustellen, welche seiner Knochen gebrochen sind. Er springt hastig auf die Füße, dreht sich um, einen Ausweg suchend, kann aber nichts finden. „Konzentriere dich“ sagt er zu sich selbst. „Es gibt einen Weg hier raus!“ Er schaut sich weiter um, die Kreatur kommt erneut auf ihn zu, über den Boden schwebend, wie schwarzer Bodennebel, Mehrere Arme scheinen aus der Wolke zu tauchen. Er versucht einen zu packen, greift aber durch ihn hindurch. Wieder wird er, diesmal mit dem Handrücken, zu Boden geschleudert. Er kriecht Rückwärts, bis er an eine der Wände in der riesigen Halle stößt, in der sie sich jetzt befinden. Die Kreatur folgt ihm dabei in gleichem Abstand. „Du hast nur noch diese eine Chance Tim“ denkt er sich „Also Konzentriere Dich!“ Er schließt die Augen, konzentriert sich, sofern es ihm mit diesen ungeheuren Schmerzen überhaupt möglich ist, auf sein Wohnzimmer. „Du liegst im Wohnzimmer! Du träumst das alles nur. Das alles ist nicht real.“ Er öffnet die Augen und in der Tat, er befindet sich am Boden liegend, direkt in seinem Wohnzimmer. Offenbar hat er allmählich ein wenig Übung im beeinflussen seiner Träume. Er springt eilig auf, sieht sich um, dieses Gefühl unter der Haut, die Kreatur ist noch immer hinter ihm her. Geräusche im Flur. Er schmeißt die Tür zu, lehnt sich mit aller Kraft dagegen. Zwecklos, die Kreatur dringt durch alle Ritzen. Da war noch etwas, er weiß, er hat etwas übersehen, eine Kleinigkeit nur, aber diese Kleinigkeit ist der Ausweg aus der Hölle. Erneut wird er von der Kreatur fest umschlungen. Er beginnt zu schweben, ungefähr einen Meter über dem Boden. Dann plötzlich wird er beschleunigt, wie beim Aufprall auf den ICE oder beim Absturz mit dem Aufzug. seine Füße schlagen mit unglaublicher Kraft auf dem Boden auf. Dann spürt er nur noch unerträglichen Schmerz und kann sich selbst schreien hören. Er wurde sprichwörtlich ungespitzt in den Boden gerammt.
Erstaunt ist er, als er fest stellt, dass er sich aus eigener Kraft wieder befreien kann und sogar auf seinen Beinen steht. Offenbar kann ihm die Kreatur unvorstellbare Schmerzen bereiten, ihn jedoch nicht verletzen. Es hat den Anschein, als wird diese Kreatur ihm jetzt ewig Schmerzen zufügen wollen. Er muss hier raus, raus aus diesem…Traum? Ja sicher, das alles ist nur ein Traum und er erinnert sich, dass er aus diesen Träumen immer wieder entkam indem er starb. Der Aufzug, der Toaster, der ICE! Christin, oder diese Gestalt, wer immer das sein mag, hat einen Fehler gemacht und ihm die Lösung vor Augen geführt. Es gibt also doch eine Möglichkeit zu entkommen. Er wusste es die ganze Zeit.
Das ist die Lösung! Er würde einfach flüchten, indem er stirbt. Er wird aus dem Fenster springen, sieben Stockwerke in die Tiefe stürzen und dann, im Augenblick des Aufpralls aus diesem Albtraum erwachen. Vermutlich um an anderer Stelle weiter zu träumen. Aber es wird ihm einen vorläufigen Ausweg bieten, ihm Zeit verschaffen. Da gab es nur noch ein Problem. Das Fenster war geschlossen. Wird er es mit schaffen durch das geschlossene Fenster zu springen? Es war wohl den Versuch wert. Letztendlich war es seine einzige Option. Er muss Anlauf nehmen und mit aller Kraft und Entschlossenheit durch das Fenster springen. Die Nebelgestalt bewegt sich wieder auf ihn zu. Er versucht in die andere Ecke des Zimmers zu gelangen um Anlauf nehmen zu können. Vielleicht würde sich das Wesen täuschen lassen und er könnte versuchen durch es hindurch zu laufen. Er lässt sich in die Ecke drängen und drückt sich dort an die Wand, vortäuschend, keinen Ausweg zu sehen. Das Wesen muss denken er habe keinen Ausweg mehr und harrt nun in Angst dort aus.
Dann rennt er los, springt auf die Couch und stößt sich kräftig mit beiden Beinen ab. Die geballten Fäuste voraus durchbricht er die Scheibe. Während er durch das Fenster springt, bemerkt er gleichzeitig zwei Dinge. Erstens konnte er den Aufprall auf die Fensterscheibe kaum Spüren. Sie schien im willig Platz zu machen und zersplitterte bei der ersten Berührung mit den Fäusten sofort in tausende kleiner Splitter, eher einer geborstenen Frontscheibe ähnelnd, als einem Verbundsicherheitsglas und zweitens hätte ihn die Kreatur durchaus fassen können, hat aber im Augenblick seines Absprungs anscheinend keinen Versuch unternommen ihn zurück zu halten. War sie wirklich so überrascht von seinem Sprung?
Der freie Fall fühlt sich erstaunlich langsam an und er erinnert sich plötzlich, während die Fenster der einzelnen Stockwerke langsam an ihm vorüber ziehen, an viele Ereignisse seines Lebens. Er erinnert sich daran, wie seine Mutter ihm sein erstes ferngesteuertes Auto schenkte und er mit seinen Freunden auf dem Weg vor dem Haus ein Wettrennen veranstaltete. Er erinnert sich daran, wie er seinen Vater im Schlafzimmer nur knapp über dem Boden hängen sah, der Haken der Lampe an der er hing beinahe abriss. Wie er dachte, wenn er nur 2cm größer gewesen wäre, würde er noch leben. Er sieht, wie seine Mutter in ihren letzten Atemzügen im Bett lag und zu ihm sagte „Mach was aus deinem Leben Tim. Versprich es mir“ Und er denkt daran, wie er immer wieder bei dem Versuch Ihren Wunsch zu erfüllen gescheitert war. Wenn er hier raus ist, dann wird er sein Leben ändern und Mamas Wunsch erfüllen. Er denkt daran, wie er sich an seinem Bier verschluckte, als er zum ersten mal Christin sah. Wie sie ihn anlächelte und ansprach und wie er immer nur auf ihre Brüste starrte.
Das letzte Fenster zieht an ihm vorbei. Er sieht die Hauseingangstür und scheint nun fast in der Luft stehen zu bleiben. Dann schlägt er mit der ungeheuren Wucht der Beschleunigung von 7 Stockwerken freien Falls auf dem Boden auf, spürt wie sein Rückkrad bricht, er regelrecht aufreißt und das Blut aus allen Öffnungen herausgepresst wird um sich wie ein Klecks über dem Straßenbelag zu ergießen. Es fühlt sich an als wäre er einer dieser mit Wasser gefüllten Ballons, wie er sie als Kind immer aus dem Fenster auf die vorbeigehenden Mieter warf und sich dann versteckte. Er verspürt Schmerzen, anders als sonst in seinen Träumen kann sich nicht bewegen. Er sieht den Himmel in wunderschönem rot getränkt. Die Sonne geht gerade auf. Er sieht, wie sich Christin über ihn beugt, die Wunde an Ihrer Wange wirkt grinsend. „Hab dich“ sagt ihr Mund während die Kreatur auf ihrer Wange lacht. Dann wird es dunkel.
Zu Tims Bestattung sind alle gekommen. Die einst geteilte Clique ist nun, nicht zuletzt auch aus Mangel an Streitgründen, wieder vereint. Auch Nikolai ist mit dem Privatjet seines Vaters Wladimir angereist. Vater hat es sich nicht nehmen lassen für den besten Freund seines Sohnes die Kosten der Feierlichkeiten, nebst einigen, für ihn nicht der Rede werten Extras zu übernehmen. Wenngleich es auch immer Ärger gab, sobald Tim und Nikolai Zeit zusammen verbrachten und Tim wohl nie Erwachsen geworden ist, mochte er Tim wie einen zweiten Sohn. Wladimir bat Christin sich um das Organisatorische zu kümmern, oder wie er immer sagt „Sorge dafür zu tragen, dass alles seinen sozialistischen Gang gehe“. Tim hätte keine altherren Trauerfeier gewollt, sagte sich Christin. Darum stehen jetzt alle in einem Glaspavillon, unweit des Friedhofs, der eigens für diese Feier errichtet wurde. Im Inneren steht der Sarg, aufgebahrt und geschmückt mit reichlich prunkvollen Verzierungen. Unzählige Kränze, seltene Pflanzen Schnittblumen wurden um den Sarg herum platziert, als hätte jemand bei der Bundesgartenschau geplündert. Die Sitzplätze sind links und rechts vom Eingang zu jeweils einen Drittel kreisförmig um den Sarg herum angeordnet. Den Rest der Freifläche nimmt ein DJ Pult, eine Bar und ein riesiges Buffet ein, welches später Platz für eine Tanzfläche bietet. Der gesamte Raum ist mit Creme-goldenem Teppich ausgelegt. Das Servicepersonal und der DJ stehen noch vor dem Pavillon um eine letzte Zigarette zu rauchen. Eindrucksvoll stehen Bodyguards um den Pavillon herum, die eigentlich nur zum Schutz Nikolais anwesend sind, aber selbstverständlich auch die Räumlichkeiten vor unerwünschtem Publikum schützten. Das Gesamtbild lässt eher eine Hochzeit anstelle einer Trauerfeier vermuten.
Christin sieht vor der Tür eine Person mittleren Alters, unangemessen bekleidet, mit einem der Bodyguards diskutieren und wild mit einem Ausweis herum wedeln. Sie erkennt Kommissar Ritter und deutet mit einem Winken den Kommissar passieren zu lassen.
„Hallo Frau Christin“ sagt er etwas unbeholfen, nicht wissend ob er die junge Frau jetzt mit Du oder Sie ansprechen soll, während er ihr die Hand zur Begrüßung entgegen streckt „Vielen Dank, dass sie mich an diesen doch etwas finsteren Herren vorbei gelotst haben.
„Herr Ritter, wie kann ich ihnen helfen?“
„Oh, gar nicht, Frau… Darf ich Christin zu ihnen sagen?
„Ja, selbstverständlich.“
„Christin, ich wollte sie darüber in Kenntnis setzen, dass die Staatsanwaltschaft die Einstellung der Ermittlungen veranlasst hat. Es deutet in der Tat alles auf Selbstmord hin. Sie wissen ja, er hat eine Art Liebesbrief an sie hinterlassen, den er offenbar kurz vor seinem Freitod schrieb. Er hat also die Wohnung seines Freundes Maik verlassen, ging nach Hause, setzte sich um ihnen einen Brief zu schreiben,schlief dabei offenbar kurzzeitig ein und sprang dann, aus unerklärlichen Gründen durch das geschlossene Fenster. Was mir dabei ein wenig aufstößt ist, warum hat er das Fenster nicht geöffnet? Warum befand sich ausgerechnet in diesem Fenster eine falsche Fensterscheibe? Und, Frau Christin, vielleicht haben sie eine Idee woher die Kratzspuren an seinem linken Oberarm stammen? Warum er, scheinbar bester Stimmung kurz nach Mitternacht die Party verließ und kaum 5 Stunden später tot auf der Straße vor seinem Haus liegt und dabei nur knapp eine junge Frau verfehlt, die gerade auf dem Weg zur Arbeit war?“
„Herr Ritter, wollen sie mir unterstellen, ich wüsste mehr als ich ihnen bereits sagte?“
„Es ist meine Aufgabe Fakten zu sammeln, nicht Behauptungen aufzustellen. Nein Frau Christin, Wie gesagt, die Ermittlungen sind eingestellt und ich schreibe in den nächsten Tagen meinen Abschlussbericht. Ich dachte nur, es wäre uns doch alle ein Trost, wenn alle Unklarheiten ausgeräumt sind und wir tatsächlich sicher sein können, dass ihm auch wirklich niemand nachgeholfen hat“
„Ich weiß nicht so recht, was sie mir damit sagen wollen, Herr Kommissar. Sie wissen, wir waren Freunde, auch wenn er unter der Trennung gelitten hat, wie alle in unserem Freundeskreis. Ich kann ihnen versichern, niemand von uns hätte Tim bei allen Streitereien umbringen wollen. Auch nicht ich.“
„Gut Frau Christin, dann will ich sie nicht weiter stören in ihrer Trauer. Auf Wiedersehen.“
„Vielen Dank, dass sie vorbei geschaut haben, Herr Ritter.“
Die Trauerfeier beginnt, Nach einer zu Tränen rührenden Rede von Christin legt der Dj Tims Lieblingslied auf: Alicia Keys – No One. Was niemand weiß, es war ihr Lied. Das Lied das gerade lief, als er Christin zu ersten mal sah.
6 Monate später…
Julia und Dennis hatten sich lange auf diesen Tag gefreut. Endlich werden sie Ihre gemeinsame Wohnung beziehen. Vor 2 Wochen hatten sie sie besichtigt und sich auf Anhieb in das riesige Wohnzimmer und die gigantische Essküche verliebt. Über das zu klein geratene Schlafzimmer sahen sie großzügig hinweg. Sie würden einfach Schaumstoff zuschneiden und auf einen Unterbau legen. Seit Tagen standen die gepackten Kisten in ihren alten Wohnungen. Beide freuen sich darauf diese wieder auszupacken und Ihre bislang noch getrennten Besitztümer gründlich zu vermischen. Sie lieben sich sehr und bevor sie gleich mit all ihren Freunden, den ersten Kisten und einem Mietvertrag in der Tasche die Wohnung betreten hat Dennis, der als hoffnungsloser Romantier im Freundeskreis verschrien ist, sich geschworen Julia über die Türschwelle zu tragen und ein erstes mal in ihrer gemeinsamen Wohnung zu küssen. Julia ist verdammt gespannt, während Dennis die Tür aufschließt. Sie ahnt, dass sich hinter dieser Tür mehr befindet als nur ihre noch leere Wohnung. Ganz bestimmt hat Dennis für eine Überraschung gesorgt. Und sie hat recht. Mit einem Arm hebt Dennis sie sanft unter ihre Achseln greifend an und bietet ihr dann den zweiten Arm zum aufsteigen an. Sie nimmt an und schwingt sich elegant darüber. Er tritt über die Schwelle, stolpert so, dass er einen kleinen Knicks machen muss. Julia ist fest überzeugt, dass es sich hierbei um einen absichtlichen Stolperer handelt. Sie schaut auf den Boden. Rosenblätter. Aus dem künftigen Schlafzimmer flackert ein schwaches Licht in den Flur. Leise romantische Musik ist zu hören. Es ist Ihr Lied, ab jetzt. Er betritt mit ihr in den Armen das Schlafzimmer, lässt ihre Füße vorsichtig zu Boden sinken. Sie fällt ihm um den Hals, Küsst ihn zärtlich in den Nacken, am Ohr und dann auf den Mund. „Ich liebe Dich“ säuselt sie leise. „Ich liebe Dich.“ gibt er zurück. Sie genießen ihren Augenblick mit einem Glas gut gekühlten, halbtrockenen Sekt. „Geht es los?“ fragt er. „Ja“ antwortet sie „Jetzt geht es los“.
Bereits eine Stunde später stehen die meisten Möbel in der Wohnung, bereit eingeräumt zu werden. Dennis, Julia und 17 Freunde sitzen auf den Umzugskisten und stoßen mit Orangensaft und Bier auf das vollbrachte Werk an. Darunter auch Christin und Markus. „Hört mal“ ruft Dennis in die Runde „Ich habe einen Vorschlag zu machen. Also Julia und ich, wir möchten uns bei euch herzlich bedanken. Und wir haben uns gedacht, da Worte ja nicht satt machen, möchten wir euch zu einer Einweihungsparty einladen. Das Buffet und Getränke sind bereits bestellt, Absagen können also bedauerlicherweise nicht entgegen genommen werden.“ Tosender Applaus und Gejohle. „Dann gibt es aber noch einiges zu tun“ sagt er nachdem sich die Meute beruhigt hatte. „Also los! Ich hänge mit Maik und Paul die Lampen auf, Markus schnappt sich einige Leute für die letzten Schränke und Julia und die Mädels packen die Kisten aus“ „Macho!“ tönt Christins Stimme spaßig aus dem Nebenraum. „Möchtest du gern die Küchenschränke aufhängen?“ fragt Dennis sie lächelnd, worauf sie durch die Tür schaut und ihm kommentarlos zu zwinkert. „Also los. In zwei Stunden ist der Umzug hier gelaufen und um Acht treffen wir uns hier alle zur Party wieder“
Dennis kommt gerade aus aus dem Bad, streift sich eine Hose und ein Shirt über, als es an der Tür klingelt. Der erste Gast des Abends ist Christin. Sie geht in die Küche, nimmt sich ein Bier und setzt sich mit Dennis an den Küchentisch. Nach und nach füllt sich die Wohnung mit Gästen. Essen und Getränke sind im Überfluss vorhanden. Angeregte Gespräche hier, leidenschaftliche Küsse da und mittendrin tanzende Mädchen.
Es wird spät, die Reihen lichten sich. Christin steht am geöffneten Fenster im Wohnzimmer und schaut gemeinsam mit Julia und Dennis den in der Ferne fliegenden Flugzeugen nach. „Du vermisst ihn ein wenig?“ fragt Julia. „Ich frage mich manchmal ob er noch leben würde, wenn ich mich für ihn entschieden hätte.“
„War es dieses Fenster?“ „Hmm, Ja. Wir hatten zwar in der Vergangenheit viel Streit, aber er hinterlässt ein tiefes Loch. Mir war das nie bewusst“ Christin holt tief Luft und dreht sich weg, weil sie sich der Tränen für Tim , die jetzt, 6 Monate nach seinem Tod noch immer fließen wenn sie an ihn denkt, schämt. „Ich werd dann mal“ schluchzt sie. „Ihr wollt die erste Nacht in eurer neuen Wohnung sicher genießen.“ Zwinkert sie den Beiden zu.
Dennis und Julia bleiben noch einen Augenblick stehen, genießen die kühle Luft, während er sie von hinten umschlingt. „Versprich mir, dass wir uns immer lieben“ sagt er. „Versprich mir, dass du niemals auf dumme Gedanken kommst“ erwidert sie ein wenig ängstlich um ihn.
Am nächsten Morgen wacht Dennis auf, Er hatte einen seltsamen Traum. Irgend etwas, er weiß nicht was, hat ihn gepackt und aus dem Fenster geschleudert. Er dreht sich zu Julia aber sie liegt nicht mehr neben ihm. Er sieht auf, sieht den Zettel auf dem Kopfkissen „Bin Brötchen holen“ Okay, denkt er, dann würde er Kaffee kochen und den Tisch decken. Er springt förmlich hoch und verspürt plötzlich, starke Kopfschmerzen. Ihm wird ein wenig schwindelig, vermutlich ist er zu schnell aufgestanden? Er schlürft in die Küche, schaltet den Kaffeeautomaten an, öffnet den Kühlschrank greift ohne hinzusehen die Milch und nimmt einen kräftigen Schluck. Er reißt die Augen auf. Ein Gefühl von Ekel überkommt ihn. Er spuckt die Milch im weitem Bogen aus. „Sauer“ würgt er hinaus und hat das Gefühl sich gleich übergeben zu müssen. Eilig geht er ins Bad, noch immer hustend sieht er auf dem Weg zum Waschbecken einige Tropfen Blut. Eilig dreht er den Wasserhahn auf und trinkt einige kräftige Schlucke.
Jetzt geht es ihm wieder ein wenig besser, abgesehen von den starken Kopfschmerzen. Während er ins Wohnzimmer geht, bemerkt er, wie sich alles wie ein Traum anfühlt. Nein, eher wie ein Film, bei dem er aus der Hauptdarsteller Perspektive zu sieht ohne selbst eingreifen zu können. Er lässt sich auf den Sessel fallen und was er dann sieht lässt ihn den Atem stocken. Auf dem Sideboard steht der Kopf von Julia. Blut läuft an der Schranktür herunter und eine ca. 6cm lange Schnittwunde, aufklaffend, fast wie ein grinsen mit frei liegendem Wangenknochen verziert ihre linke Wange. Dennis wird unvorstellbar übel. Er hat plötzlich ein lautes Klingeln im Ohr und, ehe er die Situation voll erfassen kann spürt er diesen unbezwingbaren Wunsch sich das Leben zu nehmen.
Die Geschichte ist zu Ende. Hat sie Dir gefallen, dann teile sie bitte mit Deinen Freunden. Ich bitte Dich außerdem einen Kommentar zu hinterlassen, beispielsweise eine Kritik.
Die nächste Geschichte folgt in Kürze. Worum es geht erfährst Du in der Vorschau.
